Bauer Pentenrieder hatte die Nase voll. Selbst für den besten
Weizen erlöste er gerade noch 130 Euro pro Tonne. Bei schlechteren
Qualitäten gab es deftige Preisabschläge. Wenn er die Körner in
seiner Heizung verbrennen würde, hätte er einen höheren Gewinn,
rechnete er sich aus. 2,5 Kilogramm haben denselben Heizwert wie ein
Liter Öl. Und das kostet derzeit genau so viel wie bester Weizen.
Bei minderen Qualitäten macht er sogar Gewinn. Franz Pentenrieder
aus dem Raum Starnberg präsentiert sein Konzept im Internet, aus
Protest gegen die seiner Meinung nach zu niedrigen Erlöse für
landwirtschaftliche Produkte.
Zwar wird der bauer hart attackiert – sogar in seinem eigenen
Internetforum (www.getreideheizung.de) (E-Mail-üblicher Originalton:
„in anderen Ländern müssen die leute hungern und sie haben nichts
besseres zu tun als mit weizen zu heizen“). Doch der Bayer der
eigentlich gegen die Preispolitik protestieren will, liegt auch
unter Umwelt- und Klimagesichtspunkten richtig – zumal er Kritikern
entgegenhalten kann, dass es genügend minderwertiges Getreide gibt,
das nur noch zum Verbrennen taugt.
Wenn Bauer Pentenrieder seine Weizenheizung noch ein paar Jahre
nutzt und um ein Stromerzeugungsmodul erweitert, hat er die Chance,
zu einem winzigen Ritzel in einem gewaltigen Räderwerk zu werden.
Tausende und abertausende kleiner Kraftwerke und Heizanlagen sollen,
so die Visionen alternativer Energieerzeuger, zu virtuellen
Kraftwerken zusammengefasst werden. Via Internet sind sie
miteinander verknüpft, sodass sie sich wie ein großes Kohle- oder
Kernkraftwerk verhalten. Je nach Bedarf werden sie aufgefordert,
mehr oder weniger Strom zu erzeugen. Wenn beispielsweise die
Windgeschwindigkeit auf der Sophienhöhe, einer gewaltigen
Braunkohleabraumhalde bei Jülich, sinkt und die dort installierten
Windgeneratoren abschlaffen, müssen Brennstoffzellenkraftwerke
einspringen, die künftig tausendfach in den Kellern von Ein- und
Mehrfamilienhäusern stehen sollen. Dort erzeugen sie in erster Linie
Strom und Wärme für den Eigenbedarf.
Harry Lehmann vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie
GmbH, glaubt, dass die Regelung derartiger virtueller Großkraftwerke
höchste technische Intelligenz erfordert, die erst mit den modernen
Kommunikationstechniken zur Verfügung steht. Um plötzliche Engpässe
durch Flauten oder dichte Wolken zu vermeiden, die die Wind-
beziehungsweise Solarstromernte massiv beeinträchtigen, müssten
sogar lokale Wetterprognosen in die Regelung einfließen.
Die Probe aufs Exempel machen jetzt die EUS Gesellschaft für
Innovative Energieumwandlung und -speicherung mbH in Gelsenkirchen
und das Oberhausener Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits-
und Energietechnik. Das virtuelle Kraftwerk besteht aus einer
Brennstoffzelle, einem Blockheizkraftwerk sowie einer so genannten
Mikrogasturbine. Diese Energieerzeuger versorgen das Institut mit
Strom, Wärme und Kälte für die Klimatisierung im Sommer. Je nach
Bedarf und aktueller Wirtschaftlichkeit werden die Anlagen ganz,
teilweise oder gar nicht in Betrieb
genommen.
Energieeinsparung bei 40 Prozent
Was in Oberhausen noch relativ einfach ist – alle Anlagen sind
jederzeit betriebsfähig, weil sie mit Erdgas, später mit Grubengas
versorgt werden –, sind virtuelle Kraftwerke, in die Solar- und
Windanlagen integriert sind, weitaus schwieriger zu fahren. Das
Angebot schwankt je nach Wetter, Uhr- und Jahreszeit. Lehmann vom
Wuppertal Institut glaubt dennoch, dass Europa im Jahr 2050 zu 95
Prozent von Sonne und Wind, Biomasse und Wasser versorgt werden
kann. Dabei stützt er sich auf eine Studie des internationalen LTI
Research Teams, das vom Mannheimer Zentrum für Europäische
Wirtschaftsforschung GmbH in Mannheim geleitet wurde. Es geht
zusätzlich davon aus, dass der Pro-Kopf-Energieverbrauch innerhalb
des nächsten halben Jahrhunderts durch massive Einsparungen auf 40
Prozent sinkt.
Joachim Nitsch und Michael Nast vom Institut für Technische
Thermodynamik des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR)
halten für 2050 einen Anteil regenerativer Energie an der
Stromerzeugung in Deutschland von 65 Prozent für machbar. Bei der
Wärmeerzeugung für Heizzwecke prognostizieren sie eine Quote von
rund 50 Prozent, Zahlen, die auch das vom Grünen Jürgen Trittin
geführte Bundesumweltministerium als Ziel nennt.
Tatsächlich wird der Anteil erneuerbarer Energien in den nächsten
Jahren massiv steigen, nach Ansicht der Industrie allerdings nicht
im entferntesten so stark wie in der LTI-Studie oder der
DLR-Prognose. Der Mineralölkonzern Esso, der regelmäßig den
künftigen Energieverbrauch abschätzt, sagt beispielsweise für
Deutschland einen Anteil von fünf Prozent bei erneuerbarer Energie
im Jahr 2020 voraus. Das DLR-Team kommt auf gut 20 beziehungsweise
14 Prozent. Heute liegt er bei der Stromerzeugung bei sieben
Prozent, bei der gesamten Energieversorgung bei knapp drei Prozent.
Während die LTI-Autoren glauben, dass praktisch keine
konventionellen Kraftwerke mehr dazugebaut werden, spricht der
Verband der Kraftwerksbetreiber VGB PowerTech, dem 430 Betreiber von
Kohle- und Kernkraftwerken in der Europäischen Union angehören, von
„Neubau in großem Stil“.
400 Gigawatt werden neu benötigt
Bis zum Jahr 2020 müssten Kraftwerke mit einer Leistung von 400
Gigawatt neu gebaut werden. Das entspricht 300 großen
Kernkraftwerken oder 400 Braunkohlenblöcken der Größe Niederaußem.
Dort entsteht derzeit der mit gut 1000 Megawatt weltweit
leistungsfähigste Block. Das ist Musik in den Ohren der großen
Kraftwerkshersteller, angeführt von dem französischen Multi Alstom,
der den Braunkohleblock in Niederaußem bei Köln baut, und der
deutschen Siemens AG.
Ob es so kommt ist fraglich, vor allem in Deutschland. Dort
sollen bis zum Jahr 2020 Zug um Zug die 19 Kernkraftwerke
stillgelegt werden, die derzeit rund ein Drittel des hier zu Lande
verbrauchten Stroms erzeugen. Der Ausfall soll vor allem durch
Sparmaßnahmen kompensiert werden, woran die Stromwirtschaft nicht so
recht glaubt. „Wir fühlen uns darin bestätigt, dass ein nationales
Kohlendioxid-Minderungsziel von 40 Prozent bis 2020 vor dem
Hintergrund dieser energiepolitischen Entscheidung illusorisch ist“,
mahnt Dietmar Kuhnt, Vorstandschef des Essener Stromkonzerns
RWE.
Andere Staaten sind nicht so ängstlich. Sie bauen, weil sie
wirtschaflich und klimaverträglich ist, die Kernenergie noch aus. In
den USA hat Präsident George W. Bush angesichts zahlreicher
Versorgungskrisen, vor allem in Kalifornien, die Parole ausgegeben:
„Wir können auf keine Art der Energieversorgung verzichten.“ So
entstehen dort neue Kohle- und Erdgaskraftwerke, und der erste
Antrag auf Neubau eines Kernkraftwerks nach 20 Jahren Stillstand
steht unmittelbar bevor. China, Russland, Taiwan und selbst
Südafrika forcieren ebenfalls den Ausbau der Kernenergie. Wobei die
Südafrikaner eine Reaktorlinie aufgreifen, die komplett in
Deutschland, im Kernforschungszentrum (heute Forschungszentrum)
Jülich entwickelt wurde: den Hochtemperaturreaktor. Gerade fiel der
Beschluss, im nächsten Jahr mit dem Bau eines Moduls am Standort des
bisher einzigen Kernkraftwerks am Kap, in Koeberg bei Kapstadt, zu
beginnen. Der Reaktor mit einer Leistung von 110 Megawatt wurde in
den Achtzigerjahren von Siemens entwickelt. Südafrikas
Stromversorger Eskom erwarb eine Lizenz. Geplant ist der Bau einer
ganzen Reihe derartiger Kraftwerke.
Jürgen Stadelhofer, Vorstandsvorsitzender der Essener RAG Coal
International, ist überzeugt, dass „Steinkohle der Energieträger
Nummer eins bei der Stromerzeugung“ bleibt – zumindest in
Deutschland, wenn die Kernenergie ausläuft, die extrem ehrgeizigen
Sparziele der LTI-Autoren nicht erreicht und der Zubau an Strom und
Wärme erzeugenden Anlagen auf Basis erneuerbarer Energien nicht das
von den gleichen Autoren erwartete gigantische Ausmaß erreicht.
Die Anfänge sind viel versprechend. Hier zu Lande sind weitaus
mehr Windmühlen installiert als in jedem anderen Staat. Nur in
wenigen anderen Ländern wird mehr Solarstrom erzeugt. Und überall
schießen Biomassekraftwerke aus dem Boden. Jetzt wird es dazu noch
einen Boom bei kleinen Heizkraftwerken geben, die mit nicht
umweltneutralen Brennstoffen wie Kohle, Öl und Gas betrieben werden.
Das so genannte Kraft-Wärme-Kopplungsgesetz belohnt auch den Bau
dieser Anlagen, die einen extrem hohen Wirkungsgrad haben, mit einem
Zuschuss von bis zu 2,6 Cent pro Kilowattstunde.
Rekord bei
Windrädern
Wind- und Wassermüller bekommen nach dem
Eerneuerbare-Energien-Gesetz mit knapp neun Cent erheblich mehr, und
die Besitzer von Photovoltaikanlagen können sogar bis zu 50 Cents
einstreichen.
Allein im vergangenen Jahr gingen in Deutschland 2079 Windmühlen
mit einer Gesamtleistung von 2659 Megawatt ans Netz, so viel wie
zwei große Kernkraftwerke. Dass sie jedoch erheblich weniger Strom
produzieren liegt daran, dass es Flauten gibt und der Wind generell
schwächer blies als in den Jahren davor. Die Ausbeute sank um bis zu
30 Prozent, was manche Investoren und Geldgeber in Schwierigkeiten
brachte (WirtschaftsWoche 7/2002).
Eine stetigere Stromerzeugung erwartet die Branche von Windparks
auf dem Meer. Dänen und Schweden nutzen bereits diese attraktiven
Standorte, was Naturschützern allerdings in der Regel missfällt.
Deutschland wird noch in diesem Jahr nachziehen. Nordwestlich der
Insel Borkum beginnt die Installation von zunächst zwölf Anlagen
einer neuen Generation mit einer Leistung von jeweils fünf Megawatt
– die bisher größten kommen auf rund zwei Megawatt. Sie werden wegen
der höheren Windgeschwindigkeiten auf See rund doppelt so viel Strom
erzeugen wie gleich große Anlagen im Binnenland. Insgesamt will die
Prokon Nord Energiesysteme GmbH im ostfriesischen Leer dort
insgesamt 208 Anlagen mit einer Leistung von gut 1000 Megawatt
errichten.
Borkum ist der erste Hochseewindpark in Deutschland, der eine
Genehmigung erhalten hat. Weitere 23 sind in Nord- und Ostsee
geplant. Insgesamt sollen sie eine Leistung von 50.000 Megawatt
haben, das ist die Hälfte der heute in Deutschland installierten
Leistung. Damit ließen sich, günstige Winde vorausgesetzt, pro Jahr
200 Milliarden Kilowattstunden Strom erzeugen, rund 40 Prozent des
Bedarfs im vergangenen Jahr. Die Investitionssumme liegt bei 30
Milliarden Euro, schätzt Norbert Giese, Geschäftsführer der AN
Windenergie GmbH in Bremen, der im Verband deutscher Maschinen- und
Anlagenbau gleichzeitig für die Windenergie zuständig ist.
Kühne Pläne haben auch die Hersteller von Solarzellen. Bis zum
Jahr 2005 wollen sie ihre Kapazität in Deutschland von 111 Megawatt
peak im Jahr 2002 auf 287 Megawatt peak erhöhen. Siemens Solar,
einer der Pioniere und bis vor einigen Jahren weltgrößter
Hersteller, ist nicht mehr dabei. Die Münchner verkauften die Sparte
Anfang des Jahres an Shell
Solar.
Besonders gute Chancen rechnet sich ein Neuling aus: Die Antec
Solar GmbH im thüringischen Arnstadt. Wenige Kilometer außerhalb der
idyllischen Landeshauptstadt Erfurt hat man eine Produktionsstätte
für Cadmium-Tellurid-Zellen aufgebaut. Sie kommen ohne den teuren
und knapper werdenden Rohstoff Silizium aus. „Unsere Materialkosten
sind um ein Viertel niedriger als bei der Herstellung von
Siliziumzellen“, sagt Geschäftsführer Karl-Heinz Fischer. Die
hauchdünnen aktiven Schichten, die Licht in Strom verwandeln, werden
aufgedampft. Die regenerativen Energien kommen die Stromverbraucher
teuer zu stehen – zumindest in den nächsten Jahren, weil Strom aus
Kohle und Kernenergie derzeit erheblich billiger ist. Anders als der
grüne nordrhein-westfälische Wohnungsbauminister Michael Vesper
können sie die Zahlung der Mehrkosten durch die Zuschüsse auf
umweltverträgliche Energieerzeuger nicht verweigern. Vesper hat
einen Vertrag für alle Landesbehörden, nach dem er lediglich normale
Preissteigerungen akzeptieren muss, nicht jedoch derartige
Sonderkosten. Dadurch hat er schon fünf Millionen Euro eingespart.