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Region Stuttgart
 
Artikel aus der
Stuttgarter Zeitung
vom 04.01.2003

 




 
Von einem, der den Weizen in den Kamin schießt
 
Martin Schmid heizt mit dem Getreide, das er selbst herstellt, weil es billiger ist als das Öl, das er kaufen müsste
 
HOLZGERLINGEN. Die Ernte der goldenen Weizenähren ist ein Sinnbild bäuerlicher Arbeit. Weil der Preis für die Körner aber ins Bodenlose fällt, dienen sie einigen Landwirten neuerdings als Brennstoff. Zum Beispiel Martin Schmid.

Von Martin Reinkowski

Die Anlage im Keller des Einfamilienhauses ist nicht größer als eine gewöhnliche Ölheizung. Martin Schmid öffnet eine Luke, greift in den weißen Plastikeimer und lässt die Körner in den metallenen Bunker rieseln. "Zuerst konnte ich mir nicht vorstellen, dass Weizen brennt", sagt er - und erklärt die technischen Details des Kessels, den er vor kurzem in Betrieb genommen hat: dass das System ursprünglich in Dänemark für Holzpellets entwickelt wurde, also Würmchen aus gepressten Sägespänen; dass der Verbrennungsrost mit Wasser gekühlt wird, weil Getreide einen niedrigen Schmelzpunkt hat und deshalb zum Verschlacken neigt; dass die Zufuhr von Sauerstoff und Brennmaterial durch eine Lambdasonde gesteuert wird, wie man sie von Autokatalysatoren kennt.

Gut und schön, aber schmerzt es den Landwirt nicht, wenn er die Früchte seiner Arbeit verbrennt? "Nein", antwortet Schmid, "ich habe ein besseres Gefühl, als wenn ich Heizöl verbrennen würde." Ethisch-politisch argumentiert er, denkt an den drohenden Krieg im Irak, an "die Abhängigkeit, in die man sich begibt". Das Öl, sagt Martin Schmid, sei zu schade, um damit zu heizen; es ließen sich wertvollere Dinge daraus herstellen.

Freilich, der Satz klingt merkwürdig aus dem Mund eines Menschen, der ein Lebensmittel herstellt, um es zu verbrennen. Martin Schmid weiß das. Doch dann läuft er zu den großen Hallen, die seinem Aussiedlerhof am Rande von Holzgerlingen im Kreis Böblingen das Flair eines Industriekomplexes geben. Dort, sagt der Landwirt, habe sein Vater früher Schweine gemästet. Tonnenweise habe man das Getreide den Schweinen vorgeworfen, um so Schnitzel zu produzieren. Gerechnet hat sich das Geschäft am Schluss nicht mehr.

Trotzdem musste der Jungunternehmer Überzeugungsarbeit leisten - vor allem bei seiner Mutter. "Sie ist sehr gläubig", sagt er, "für sie hat das ,Unser täglich Brot gib uns heute!" eine Bedeutung." Doch sie hat die Entscheidung ihres Sohnes mitgetragen, weil er sie auch mit seinem Idealismus begründet hat. Für ihn hat nicht nur gezählt, dass der Preis für Getreide innerhalb von zwölf Jahren um drei Viertel gefallen ist und dass ihn als Erzeuger der Brennstoff Weizen nur ein Viertel dessen kostet, was er für Heizöl ausgeben müsste. Schmid hat auch auf die Energiebilanz geschaut, die besser sei als die einer Hackschnitzelheizung, weil der Weizen viel trockener sei als das Holz. Und der nachwachsende Weizen verbrauche das Kohlendioxid, das bei seiner Verbrennung entstehe - was aber von Umweltschützern angezweifelt wird. Man müsse in die CO2-Bilanz auch den Einsatz von chemischem Dünger und Spritzmitteln einberechnen, sagen sie. Was seine 64-jährige Mutter aber endgültig überzeugt hat, sei der Vergleich mit dem Hofgut Einsiedel bei Kirchentellinsfurt gewesen. Dort, sagt Schmid, werde das gesamte Getreide zur Herstellung von Alkohol verwendet.

Also doch lieber in den Ofen damit? Ja, sagt der Landwirt und betont, dass er nicht seinen besten Weizen in die Heizung schütte. Den verkauft er an die Firma Seitenbacher, die daraus Müsli herstellt. Als Brennstoff verwendet er den Ausschuss, den er nur dem Vieh als Futter vorwerfen könnte - die Bruchkörner, unter die sich Spreu, Stroh und Unkrautsamen mischen.

Dass der Weizen dennoch einen besonderen Wert im öffentlichen Ansehen genießt, dessen ist sich der Bauer bewusst. Schmid weiß aber auch, dass einst ein Drittel der Ackerfläche dazu nötig war, das Zugvieh satt zu bekommen - damals, als es noch keine Traktoren gab. Ihm reicht zum Heizen ein Hektar Acker. Fünfzig Hektar bewirtschaftet er insgesamt.

Deswegen fühlt sich Martin Schmid auch nicht als Energiewirt, wie das gerade der Bauernverband propagiert. Er liefert keine Energie nach außen. Auf einer nahe gelegenen Anhöhe hätte er zwar gerne eine Windkraftanlage gebaut, aber das habe die Stadt Holzgerlingen verhindert. Das Getreide verbrennt der Landwirt nur für seinen Eigenbedarf - und auch nur, um sein Wohnhaus warm zu halten. In den Ställen, wo seine Frau Martina 40 Pensionspferde hält, braucht er keine Heizung.

Ganz wohl ist dem 35-Jährigen aber offenbar nicht, er hält sich den Rückzug offen. Die Heizung ließe sich auf Holzpellets umstellen, sollte die Europäische Union ihre Agrarpolitik ändern. Denn der Landwirt leistet sich den Brennstoff Weizen ja nur deshalb, weil er pro Hektar Land einen jährlichen Zuschuss von 400 Euro erhält, für sein Getreide aber nur einen symbolischen Preis. "Wenn es diese Entwicklung nicht gegeben hätte, dann stünde diese Anlage nicht im Keller", sagt Martin Schmid.

Unter http://www.getreideheizung.de/ liefert ein Bauer aus Oberbayern, der ebenfalls Weizen verbrennt, weitere Informationen.
 
Aktualisiert: 04.01.2003, 06:05 Uhr


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